Tigerchen im Tank
Nicht alles, was behauptet, eine Denkfabrik zu sein, ist gleich eine Denkfabrik. Manchmal ist es weder Fabrik noch besonders denkstark.
Haben Sie auch einen eigenen „Kreis des Vertrauens“? Wer die Hollywood-Trilogie um den Krankenpfleger Gaylord Focker kennt, die in Deutschland unter beständigen Permutationen des Basistitels „Meine Braut, ihr Vater und ich“ in die Kinos gekommen ist, weiß um die Bedeutung dieses Kreises. Der paranoide Ex-CIA-Agent und Vater der Braut, gespielt von niemand Geringerem als Robert de Niro, bestimmt, wer diesen – seinen – Kreis betritt und vor allem: Wer ihn verlassen muss. Regelmäßig scheitert sein künftiger Schwiegersohn natürlich an den harschen Aufnahmekriterien, gegen die ein Stipendium für Harvard zu gewinnen ein Klacks ist. Im Grunde ist das der ganze Plot, allerdings in diversen Erscheinungsformen. Mal setzt der arme Schwiegersohn den handgeschnitzten Hochzeitspavillon in Brand, mal lässt er die Festwiese in Gülle versinken. Oder er bringt dem hochbegabten Enkelkind als erstes Wort ausgerechnet „Arschloch“ bei. Man muss keine Tigermutter sein, um den Kreis ganz eng zu ziehen.
Dieser Tage haben mehrere deutsche Großintellektuelle und Leistungsdenkerinnen – bitte, gendermäßig wollen wir in Zeiten der neuerlichen Quotendiskussionen voll korrekt sein – darunter Andrea Nahles und Steffi Lemke (von den Grünen , wer sie nicht kennt), erklärt, sie wollen eine neue Denkfabrik gründen – einen Thinktank, wie man gerne sagt. Nicht, dass man darauf wirklich gewartet hätte, selbst wenn man linken Ideen nicht qua Geburt misstrauisch gegenübersteht – aber so ein Think Tank ist schon eine feine Sache. Denn es verhält sich mit ihm offenbar wie mit dem Kreis des Vertrauens: Man muss einfach behaupten, es gebe ihn, und genug andere Großintellektuelle finden, die das genau so sehen und mittun, und schon hat man einen solchen Thinktank. Glauben jedenfalls die Beteiligten, darf man ihren Äußerungen glauben.
Was denn da so gedacht werden soll, nun ja, da wird es ein bisschen dünne. Neue Konzepte für den Umbau des Sozialstaats, heißt es, wolle man dort erdenken, unter anderem mit Gewerkschaften, Wissenschaftlern und Umweltaktivisten. Und in keinem Fall wolle man einer anderen Denkfabrik Konkurrenz machen, die erst vor kurzem unter dem wunderbaren Namen Institut Solidarische Moderne gegründet wurde, auch von einer international anerkannten Geistesgröße, nämlich Andrea Ypsilanti. Wer sie nicht kennt: Sie hat mal versucht, in Hessen Regierungschefin zu werden. Um fair zu bleiben: Das ist nicht von vorneherein unvereinbar mit geistiger Übergröße und XXL-Intellekt. Aber es sollte einen zumindest genau hinsehen lassen.
Bitte, man soll ja nicht vorverurteilen, aber „Denkfabrik“ ist so ein Titel, den man sich besser nicht selbst verleiht, sonst wird es schnell peinlich. „Denkfabrik“ ist auch nur dann wirklich ein Ehrentitel, wenn er für Überparteilichkeit und wissenschaftlich-analytische Klarheit und Aufrichtigkeit steht. Und nicht für parteiliches und äußerst vorsehbares Herumbegutachte und Thesengeschreibe. In diesem Fall ist es ein bisschen wie mit dem Kreis des Vertrauens: Unser leidgeprüfter Schwiegersohn in spe gibt die Idee dieses Kreise der verdienten Lächerlichkeit preis, indem er einfach seinen eigenen gründet.
Vorsicht also, und damit endlich zur Moral der Geschichte, vor vorschnell gegründeten Thinktanks. Es kann doch kein Zufall sein, dass im Englischen das Wort tank auch „Panzer“ bedeutet. So ein Denkpanzer könnte nun alles Mögliche sein könnte, dürfte aber jedenfalls nicht als besonders geschmeidig und feinsinnig gelten. Der macht mächtig Lärm, kann sich prima auf der Stelle drehen, aber ob er die Zivilisation wirklich nach vorne bringt? Am Ende hat man – Ypsilanti, Nahles, Lemke – zu viele Tigerchen im Tank – als dass es wirklich nach vorne geht.
Nun, aufregen muss sich im Moment noch niemand, denn noch vor der Gründung zerfleischen sich gerade alle Beteiligten wie die Tiger von Siegried und Roy auf Turkey, schmeißen sich parteitaktisches Kalkül und diverse Denkfehler vor – unter anderem Linken-Chef Ernst führt da das Wort – und beweisen gerade aufs Schönste, dass eine Denkfabrik ein komplexes Ding sein kann. Denken hilft eben manchmal gar nicht so wie es sollte, sondern kann schrecklich schief gehen. Da denkste, du gründest ne Denkfabrik, aber hastenichtgesehen haste nur gedacht. Wir bleiben dran, versprochen.