PR-Rankings – tolle Sache

Wichtiges Branchenbarometer? Blanker Unfug? Mit Rankings in der PR-Branche verhält es sich wie mit den einschlägigen Preisen und Auszeichnungen: Wer welche gewinnt oder verliehen bekommt, erklärt sie zum sichtbaren Ausweis der eigenen Kraft und Güte. Wer keine gewinnt, erklärt sie kurzerhand für eitles Beiwerk einer ohnehin zu Eitelkeit neigenden Branche.
Aber seien wir ehrlich: Wir alle schielen auf die Rankings. Und warum auch nicht? Natürlich lässt sich an Umsatz- und Mitarbeiterzahlen nicht ablesen, welche Agentur wirklich kreativ ist, gute Beratungsqualität abliefert oder einfach nur Dusel hatte, dass die Inkompetenz bisher nicht weiter aufgefallen ist. Und auch der Blick auf die Entwicklung von Jahr zu Jahr („na, die hat´s aber kalt erwischt“) gibt nicht wirklich Aufschluss über Wohl und Wehe, Können und Perspektiven einer Agentur. Dafür ist das Geschäft zu volatil, die Branche zu kleinteilig. Jede mittlere Schnapsdestille macht ja mehr Umsatz als selbst die Großen unserer Branche. Und jeden kann es mal erwischen.
Trotzdem: Wer über Jahre beständig auf den oberen Plätzen auftaucht, ganz gleich ob im stetigen Aufwind oder mal ein paar Plätze höher der niedriger, kann nicht alles falsch machen. Insofern gibt das Ranking durchaus Aufschluss darüber, welche Unternehmen sich auf dem vergleichsweise sumpfigen PR-Terrain ein solides Fundament erarbeitet haben. Für Kunden nicht das einzige, aber ein relevantes Signal.
Natürlich gibt es Verbesserungsbedarf. Die geforderte Verteilung von Umsatzanteilen auf einzelne Dienstleistungen ist konsistent gar nicht zu leisten und überdies in Zeiten zunehmender Integration verschiedener Disziplinen nicht mehr zeitgemäß. Das lädt zu taktischen Schwerpunktsetzungen ein. Ähnlich verhält es sich mit den Branchenschwerpunkten – auch hier ist eine konsistentere Aufteilung wünschenswert. Und dann ist da noch die Gretchenfrage nach den Testaten. Einerseits ist es ärgerlich, wenn testierte Zahlen neben nicht-testierten stehen, nur weil sich insbesondere die internationalen Netzwerkagenturen hinter Sarbanes-Oxley verstecken dürfen. Andererseits würden uns die kleinen Einblicke in die und das Messen an den großen Multis fehlen. Insofern ist die Lösung, Gummipunkte für Testate zu verleihen, pragmatisch und angemessen. Kann so bleiben.
Fazit: Rankings sind eine tolle Sache, wir nehmen sie sportlich, sie beflügeln unseren Ehrgeiz, manchmal unsere Häme – wir sind auch nur Menschen – und wir würden sie vermissen. Dass Rankings sowohl von den Agenturen als auch von den Kunden überbewertet würden, wenn es darum geht, den richtigen Agenturpartner zu finden, steht nicht zu befürchten. Dafür sind wir doch alle viel zu klug. Oder?

Apropos: ergo Kommunikation ist dieses Jahr Nummer 9 und hat sich um einen Platz verbessert. Der guten Ordnung halber sei das hier erwähnt…

(Dieser Beitrag erschien im PR-Report )

Tigerchen im Tank

Nicht alles, was behauptet, eine Denkfabrik zu sein,  ist gleich eine Denkfabrik. Manchmal ist es  weder Fabrik noch besonders denkstark.

viagra generic Haben Sie auch einen eigenen „Kreis des Vertrauens“? Wer die Hollywood-Trilogie um den Krankenpfleger Gaylord Focker kennt, die in Deutschland unter beständigen Permutationen des Basistitels  „Meine Braut, ihr Vater und ich“ in die Kinos gekommen ist, weiß um die Bedeutung dieses Kreises. Der paranoide Ex-CIA-Agent und Vater der Braut, gespielt von niemand Geringerem als Robert de Niro, bestimmt, wer diesen – seinen –  Kreis betritt und vor allem: Wer ihn verlassen muss. Regelmäßig scheitert sein künftiger Schwiegersohn natürlich an den harschen Aufnahmekriterien, gegen die ein Stipendium für Harvard zu gewinnen ein Klacks ist. Im Grunde ist das der ganze Plot, allerdings in diversen Erscheinungsformen. Mal setzt der arme Schwiegersohn den handgeschnitzten Hochzeitspavillon in Brand, mal lässt er die Festwiese in Gülle versinken. Oder er bringt dem hochbegabten Enkelkind als erstes Wort ausgerechnet „Arschloch“ bei. Man muss keine Tigermutter sein, um  den Kreis ganz eng zu ziehen.

Dieser Tage haben mehrere deutsche Großintellektuelle und Leistungsdenkerinnen – bitte, gendermäßig wollen wir in Zeiten der neuerlichen Quotendiskussionen voll korrekt sein – darunter Andrea Nahles und Steffi Lemke (von den Grünen , wer sie nicht kennt), erklärt, sie wollen eine neue Denkfabrik gründen – einen Thinktank, wie man gerne sagt. Nicht, dass man darauf wirklich gewartet hätte, selbst wenn man linken Ideen nicht qua Geburt misstrauisch gegenübersteht – aber so ein Think Tank ist schon eine feine Sache. Denn es verhält sich mit ihm offenbar wie mit dem Kreis des Vertrauens:  Man muss einfach behaupten, es gebe ihn, und genug andere Großintellektuelle finden, die das genau so sehen und mittun, und schon hat man einen solchen Thinktank. Glauben jedenfalls die Beteiligten, darf man ihren Äußerungen glauben.

Was denn da so gedacht werden soll, nun ja, da wird es ein bisschen dünne. Neue Konzepte für den Umbau des Sozialstaats, heißt es, wolle man dort erdenken, unter anderem mit Gewerkschaften, Wissenschaftlern und Umweltaktivisten. Und in keinem Fall wolle man einer anderen Denkfabrik Konkurrenz machen, die erst vor kurzem unter dem wunderbaren Namen Institut Solidarische Moderne gegründet wurde, auch von einer international  anerkannten Geistesgröße, nämlich Andrea Ypsilanti. Wer sie nicht kennt: Sie hat mal versucht, in Hessen Regierungschefin zu werden. Um fair zu bleiben: Das ist nicht von vorneherein unvereinbar mit geistiger Übergröße und XXL-Intellekt.  Aber es sollte einen zumindest genau hinsehen lassen.  

Bitte, man soll ja nicht vorverurteilen, aber „Denkfabrik“ ist so ein Titel, den man sich besser nicht selbst verleiht, sonst wird es schnell peinlich. „Denkfabrik“ ist auch nur dann wirklich ein Ehrentitel, wenn er für Überparteilichkeit und wissenschaftlich-analytische Klarheit und Aufrichtigkeit steht. Und nicht  für parteiliches und äußerst vorsehbares Herumbegutachte und Thesengeschreibe. In diesem Fall ist es ein bisschen wie mit dem Kreis des Vertrauens: Unser leidgeprüfter Schwiegersohn in spe gibt die Idee dieses Kreise der verdienten  Lächerlichkeit  preis, indem er einfach seinen eigenen gründet.

Vorsicht also, und damit endlich zur Moral der Geschichte, vor vorschnell gegründeten Thinktanks. Es kann doch kein Zufall sein, dass im Englischen das Wort tank auch „Panzer“ bedeutet. So ein Denkpanzer könnte nun alles Mögliche sein könnte, dürfte aber jedenfalls nicht als besonders geschmeidig und feinsinnig gelten. Der macht mächtig Lärm, kann sich prima auf der Stelle drehen, aber ob er die Zivilisation wirklich nach vorne bringt?  Am Ende hat man – Ypsilanti, Nahles, Lemke – zu viele Tigerchen im Tank – als dass es wirklich nach vorne geht.

Nun, aufregen muss sich im Moment noch niemand, denn noch vor der Gründung zerfleischen sich gerade alle Beteiligten wie die Tiger von Siegried und Roy auf Turkey, schmeißen sich parteitaktisches Kalkül und diverse Denkfehler vor – unter anderem Linken-Chef Ernst führt da das Wort – und beweisen gerade aufs Schönste, dass eine Denkfabrik ein komplexes Ding sein kann. Denken hilft eben manchmal gar nicht so wie es sollte, sondern kann schrecklich schief gehen. Da denkste, du gründest ne Denkfabrik, aber hastenichtgesehen haste nur gedacht.  Wir bleiben dran, versprochen.

Weltbürger Weihnachtsmann

Das Chinesische Jahrhundert beginnt, und der Weihnachtsmann hat einen neuen Migrationshintergrund. Das sollen die lieben Kleinen ruhig wissen.

Für gewöhnlich enden meine Ausflüge in die bunte weite Welt der käuflichen Waren und Gegenstände mit der bedingungslosen Kapitulation. Wer mich quälen will, schickt mich durch eine x-beliebige deutsche Fußgängerzone mit dem Auftrag, „irgendwas Nettes“ für X oder Y zu kaufen, die Schwiegermutter beispielsweise oder den verdienten Kollegen. Nichts gegen beide, aber das sind so die Momente, in denen ich mich in eine Welt hinein wünsche, in der es von jedem Ding nur zwei Varianten gibt, und jeweils eine von beiden ist gerade nicht lieferbar. Die Welt im Mittelalter beispielsweise oder die ehem. DDR, an die sich die älteren unter uns Jungen noch dunkel und meist falsch erinnern.

Dass ich mit dieser Sehnsucht nicht alleine bin, zeigt ein Blick auf a) die Regale einer x-beliebigen Buchhandlung, die vor Geschichten über das und aus dem Mittelalter nur so wimmeln, und b) ein Blick auf die Wahlergebnisse der Linken, ehem. PDS, ehem. SED. Hans Magnus Enzensberger soll einmal gesagt haben: „Eskapismus? Na klar, bei dem Sauwetter!“ – und dem lässt sich wenig hinzufügen, außer vielleicht, dass dies sowohl historisch als auch politisch verstanden werden kann. Müsste man ihn bei Gelegenheit mal fragen.

Dieses Jahr ist allerdings alles anders, und daran ist Jan Eggert schuld. Ich kaufe hemmungslos und geschmackssicher, was der Einzelhandel hergibt. Barbiepuppen, ferngesteuerte Autos mit siebenfachem Sirenensound, Flachbildfernseher mit Induktionskochfeld, Spielkonsolen, nichts ist Tabu, kein Paket zu groß, kein Weg zu weit. Hauptsache, das Zeug kommt nicht aus dem Erzgebirge oder etwa von der Schwäbischen Alb, sondern aus Polen oder China. Dann nämlich, das wissen wir aufgeklärten und regelmäßigen Leser von Pressemeldungen der „Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V.“, kurz AVE, für die Herr Eggert als Hauptgeschäftsführer spricht, sind unsere Käufe von Importwaren nicht nur einfach Weihnachtsgeschenke. Sie sind das Schmiermittel für den Welthandel. Ohne diese Käufe  würde das Feilschen um seltene Erden zu einem noch garstigeren und offenkundig von purem Nationalismus getriebenen Geschäft. Nein, wir können froh sein, der freie Warenverkehr aus dem Ausland heraus und in unser Inland hinein sorgt dafür, dass wir über „hochwertige Konsumgüter verfügen, die auch bezahlbar sind“, wie es Herr Eggert ein bisschen umständlich sagt. Wer möchte, findet das übrigens seit vielen Jahren unmittelbar in jedem besseren türkischen Im- und Exportlädchen bestätigt. Herr Eggert, das verspricht er, wird sich auch künftig  „konsequent für ein reibungsloses Funktionieren des Welthandels einsetzen.“ Was uns freut: Der Mann und sein Verband haben eine Mission, und ihn dabei zu unterstützen ist Ehrensache. Auch und gerade zur Weihnachtszeit. Hätte ich das früher gewusst, viele Verlegenheitskäufe hätte ich mit einem weitaus besseren, nahezu weltbürgerlich-patriotischen Gefühl erledigt.

 Was in diesem Zusammenhang allerdings irritiert, ist eine weitere Äußerung des tapferen Herrn Eggert. Nicht so sehr, dass man sich den Weihnachtsmann wegen der vielen Spielzeugimporte aus dem Reich der Mitte als Chinesen vorstellen müsse. Sondern vielmehr, dass man dies aber bitte nicht den Kindern sagen solle. Also bitte: Das ist nicht nur Chinesen verachtend, sondern auch, wie Sozialarbeiter sagen würden, ein Stück weit zynisch und bigott. Weltbürger und globale Einkäufer ja, aber die lieben Kleinen sollen´s nicht wissen? Weil sie sich dann einen Weihnachtsmann mit Migrationshintergrund vorstellen müssen? Weil ihre kleinen Geschenkeraffke-Seelen daran Schaden nehmen könnten? Weil sie es vielleicht nicht vertragen könnten, dass das amerikanische Jahrhundert unerbittlich zu Ende geht und das chinesische nun genau so unerbittlich beginnt, jetzt mal so ganz global betrachtet?  

Fragen über Fragen, Herr Eggert, die Sie mit so einem unschuldig daher geschriebenen Sätzchen lostreten, und alles nur, um ihrer kleinen Pressemitteilung einen kleinen Knalleffekt mitzugeben. War es das wert?

P.S.: In der Süddeutschen Zeitung stand neulich ein reichlich höhnischer Kommentar über Blogger, die nicht regelmäßig bloggen, und sich dann umständlich dafür entschuldigen. Tenor: armseliger ginge es ja wohl nicht.  Liebe Kolleginnen und Kollegen: Stimmt, das ist wirklich armselig, deswegen an dieser Stelle eine sehr kurze Bitte um Nachsicht. War viel zu tun, keine Zeit für Eskapaden. Gelobe Besserung.

Global blamieren, lokal handeln.

Unterwegs mit Revolutionsführer G., bonifizierten Bankern und den Roten Funken kommt man an einer Erkenntnis nicht vorbei: Die Provinz ist in uns.   

Jeder mittelgroße Wirtschaftsprüfer, jede kleine Unternehmensberatung, jeder in die Winkelzüge des deutschen Steuerrechts verliebte Steuerberater, der ein bisschen auf sich hält, singt heute das Hohe Lied der Globalisierung. Und verspricht seinen kleinen und großen Mandanten treuherzig, sie bis in die entlegensten Winkel unserer schönen Welt zu begleiten. Papua Neuguinea? Hinteres Amazonien? Null Problemo. Wenn nicht selbst, dann über Pygmäen vor Ort: wir sind an Ihrer Seite und für Sie da. Man geht kein großes Risiko ein, wenn man darauf wettet, dass irgendwo in den vielen bunten Broschüren, die sie und andere Weltenfahrer und Globalbegleiter für ihre Kunden feilhalten, irgendwo die Phrase „global denken, lokal handeln“ auftaucht. Gerne in fremden Sprachen, gerne als think global, act local – was allein schon Weltläufigkeit  demonstrieren soll. Woher ich das weiß? Mea culpa, ich habe genug dieser Broschüren selbst geschrieben.

Man mag am Wahrheitsgehalt dieser think global, act local-Doktrin zweifeln oder nicht, eines lässt sich jedenfalls kaum leugnen: Die Belege für das Gegenteil sind erdrückend in ihrer Vielfalt, Wucht und Farbenpracht. Revolutionsführer G. reist nach Rom und Paris, und was macht er? Zieht sich seine schönste Neverland-Uniform an, bringt rund achtzig Hengste mit und zeltet wie daheim, ein paar Dutzend junge Mädels inklusive. Dass er sich dabei nur in Nuancen von den Millionen Holländern unterscheidet, die an jedem langen Wochenende mit ihren Wohnwagen und bestenfalls je einem Mädel den Rest Europas überschwemmen, sagt ihm vermutlich nur deswegen keiner, weil der Mann Öl hat, lebhafte Söhne und ein untrügliches Stilgefühl. Und Berlusconi zum  Freund, da ist man lieber nachsichtig.

Oder nehmen wir die diversen Zirkel und Gremien, die sich derzeit mit der Regulierung der globalen Finanzmärkte befassen. Sie treffen sich überall auf der Welt, um doch nur ihre kleinen nationalen Anliegen zu vertreten. Basel III? Nichts gegen das Städtchen, aber schon der Name steht eher für Holzvertäfelung, Hinterzimmer und Pepita als für das ganz ganz große Rad. Gegen die vielen Banker, die überall auf der Welt unterwegs und dabei auf ihre Weise äußerst begrenzt sind und klar die Interessen ihrer rechten Gesäßtasche im Blick haben, wird man so nicht ankommen.

Act global, think local – das ist die wahre Doktrin des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wer daran noch Zweifel hatte, konnte sie dieser Tage auf wunderbare Weise zerstreuen. Passiert ist Folgendes: Die Roten Funken, ein Karnevals-Traditionskorps aus Köln, waren in Peking. Und auf der Chinesischen Mauer. Und in Schanghai. Ihre Mission? Irgendwie sollten sie und ein paar andere als Botschafter des allzeit fröhlichen Rheinlands die Chinesen umgarnen, vermutlich und in Unkenntnis der Truppenstärke Bruderschaft mit der Volksarmee trinken, die ja auch irgendwie rot ist, und dabei die Städtepartnerschaft zwischen den Millionenmetropolen Peking (irgendwas um 17 Millioen Einwohner) und Köln (knapp über 1 Million) vertiefen, natürlich auf Augenhöhe, wenn man das so sagen kann. Das alles muss ein voller Erfolg gewesen sein. Der Kölner Oberbürgermeister war jedenfalls so besoffen von sich selbst und der Reise, dass er gesagt hat: “Mit dem Auftritt der Kölner Oper, der Roten Funken, der Höhner und von Britta Heidemann können wir bei der Expo 2010 in Shanghai und anschließend in unserer Partnerstadt Peking absolute Highlights der Kultur-und Sportstadt Köln präsentieren und die erfolgreichen Aktivitäten der China-Offensive fortführen.“ Highlights. Kultur- und Sportstadt. China-Offensive. Was, bitte, war in dem grünen Tee, von dem der Mann gekostet haben muss, dass er so groben Unfug von sich gibt? 

Immerhin, auch den Roten Funken ist nicht gelungen, woran schon die Hunnen gescheitert sein sollen. Die Chinesische Mauer steht noch, anders als einige Kölner Mauern. Insofern ist der Schaden überschaubar, und man kann sich umso mehr an der gewonnenen Erkenntnis wärmen: Man kommt nicht so leicht aus seiner Haut heraus, egal, wo man ist und welche Uniform man bevorzugt. Die Provinz ist in uns. Immer. Überall. Ganz gleich, in welchen Ländern wir in Fettnäpfe treten und wo wir uns nach bestem Können blamieren, ob wir Banker mit Millionenboni sind oder kleine und große Narren, unterwegs in Wohnmobilen oder Wüstenzelten.

Die begeisterten Globalisierer mag das beunruhigen. Wir anderen dürfen uns, so ist das mit der Dialektik im Global Village, ein wenig entlastet fühlen.

Eiter in Wunden, tote Hühner auf dem Rückweg

Das Ringen um bildhafte Sprache in der Politik führt zu lustigen Entgleisungen – und ist allein deswegen das Eintrittsgeld wert

Kinder ab einem gewissen Alter haben ein feines Gespür für political correctness und daher große Freude daran, mit Wucht dagegen zu verstoßen. Vermutlich deswegen erfreut sich bei ihnen, und zwar seit Generationen, ein Lied großer Beliebtheit, bei dem der Tabubruch schon im Titel anfängt. „Negeraufstand ist in Kuba.“ Einige der durchweg eindrucksvollen Verse gehen so: „In den Straßen fließt der Eiter/der Verkehr geht nicht mehr weiter/An den Ecken sitzen Knaben/die sich an dem Eiter laben.“ Spätestens an dieser Stelle wenden sich selbst hartgesottene Zeitgenossen, Kita-Leiterinnen in Neukölln etwa oder Bundesbankvorstände, angewidert ab. So genau wollten sie es dann doch nicht vor Augen geführt bekommen. Kinder, diese Biester, lieben diese Stelle.

Warum wir dieser Tage vermehrt über Grenzüberschreitungen nachdenken, liegt natürlich auf der Hand: Wir sind geradezu umzingelt von ihnen. Viel los in Politik und Wirtschaft, wie man so mit leichter Hand und grobem Strich gerne sagt. Thilo S. prügelt auf Moslems ein, als wäre das Ende des Abendlands nah. Wir prügeln auf Thilo S. ein, als wäre er der Antichrist persönlich. Frankreich schmeißt Roma raus auf eine Art, wie man früher Hundefänger auf streunende Hunde losgelassen hat. Ein paar wenige Stromkonzerne diktieren die Energiepolitik. In Asse liegen mehr radioaktive Abfälle als gedacht. Die Pharmalobby schreibt sich ihre Gesetze gleich selbst, ist praktischer so. Die HRE benötigt ein paar Dutzend Milliarden Euro Bürgschaften. Und so weiter und so fort. Man verliert als kleiner Bürger schnell den Überblick und, was schwerer wiegt, den Maßstab. Dass sich ein Bundespräsident in die Angelegenheiten der Bundesbank einmischt, fällt da kaum noch auf. Irgendwie scheint der Zweck die Mittel zu heiligen; grundsätzliche Bedenken sind etwas für Schöngeister und Warmduscher. Ist das nicht das eigentlich Unheimliche?

Da ist es schön zu wissen, dass wir in unseren Reihen einen haben, der klaren Kopf bewahrt, trotz allem. Im Ton stets wohl temperiert, in der Sache moderat, aufrecht für Vaterland und Grundrechte eintretend, lieber eine Nuance zu leise als zu laut. Er käme nie auf die Idee, auch nicht im Spaß oder nach drei Klinik-Großpackungen Nachahmer-Melissengeist, die Kanzlerin als Barbiepuppe zu verspotten. Die Rede ist selbstverständlich von Thomas d. M., unserem Innenminister. Ist er kürzlich schon mal jemandem aufgefallen? Nein? Das ist Programm. Das heißt: es war Programm. Bis neulich, als er sich durch Thilo Sarrazin offenbar herausgefordert sah, mal ganz klipp und klar Stellung zu beziehen. Und was sagt er zu Sarrazins Buch und zur aktuellen Integrationsdebatte?
„Man sollte keinen Eiter in die Wunde träufeln.“ Hm. Tja.
Ganz gleich, wie man zur Causa Sarrazin steht, der Mann lockt seine Kritiker mit einigem Erfolg aus der Reserve und auf jenes Eis, das schnell schrecklich dünn wird im heißen Bemühen um möglichst volksnahe Ausdrücke. Es schmilzt sozusagen noch im Satz unter den Füßen weg. Eiter in Wunden träufeln. Respekt. Wenn Sprache so gekonnt genutzt wird, lohnt sich das Eintrittsgeld immer.

Küchen- und Tiefenpsychologen drängt sich bei solchen Formulierungen gleichwohl die Frage auf: Welche Bilder verfolgen den Mann, aus welchem Fundus schöpft er? Eiter, klar, kommt von besagtem Kinderlied, das offenbar auch den kleinen Thomas beeindruckt hat. Wer will ihm daraus einen Strick drehen? Was das Träufeln angeht, wird es schwieriger. Allgemein heißt es ja, man streue kein Salz oder träufele kein Gift. Eine Vermutung: Unser Innenminister ist noch vollkommen verdattert, wie kraftvoll, geradezu brutal, unsere Stromlobbyisten einschließlich Oliver Bierhoff kürzlich ihre Interessen mit ihren ganzseitigen Anzeigen an Volk und Regierung vertreten haben. Lobbyarbeit galt ja gemeinhin als anderer Ausdruck für das kunstvolle Träufeln von süßem Gift in empfängliche Parlamentarier-Ohren, und vielleicht… Naja, Küchenpsychologie hat ihre Grenzen. 
Immerhin und zur Entschuldigung unseres Innenministers: Er ist bei weitem nicht der markanteste Fall. Neulich bei der nordrhein-westfälischen Haushaltsdebatte sagte ein führender SPD-Politiker, Name tut nichts zur Sache, die Vorgänger-Regierung habe haushaltstechnisch „viele tote Hühner über den Zaun in Nachbars Garten geworfen. Von dort kommen sie jetzt zurück.“ In einer solchen Formulierung lesen Küchenpsychologen wie in einem offenen Buch: Der Mann spielt gerne Moorhuhn-Jagd und ist offenbar passionierter Zombiefilm-Konsument. So was kommt von so was. Haben wir nicht immer davor gewarnt?

Gerd saß nicht neben Margot – und damit basta!

Im falschen Moment neben den falschen Menschen nicht gesessen zu haben, kann böse Folgen haben. Daher vorbeugend ein paar Dementis.

Zu den vielfältigen Risiken, die unser tägliches Leben bereit hält, gehört eines, über das selten bis nie gesprochen, das geradezu tabuisiert wird. Gerhard Schröder, unserem Ex-Bundeskanzler, ist zu verdanken, dass wir es wieder einmal genauer betrachten dürfen. Die Rede ist vom Risiko, im richtigen Moment (netter Abend, gute Stimmung) neben den falschen Menschen (Margot Käßmann, milde alkoholisiert) gesessen zu haben, oder auch, im falschen Moment (Polizeikontrolle) neben den richtigen (Margot Käßmann, milde alkoholisiert). Wer will das immer so genau wissen?

Das Risiko kommt in zwei Ausprägungen daher. Erstens: Man hat neben jemandem gesessen, neben dem man besser nicht gesessen hätte, jedenfalls nicht genau in dem Augenblick, und wurde dabei erwischt. Oder, zweitens, man hat gar nicht neben jemandem gesessen, neben dem man in dem Moment besser nicht gesessen hätte, wurde aber vermeintlich dabei beobachtet. Und nun wird behauptet, man habe eben doch neben ausgerechnet dieser Person gesessen, wenn man derweil besser, sagen wir, beim Kinderfest im Bundeskanzleramt gesehen worden wäre. Es ist kompliziert, ich weiß.

Worin das Risiko genau besteht, hängt sehr vom Einzelfall ab. Um die causa Schröder zu vertiefen: Ihm wäre es wohl vor allem deshalb unangenehm gewesen, weil man falsche Schlüsse über den Zustand seiner (wievielten noch?) Ehe hätte ziehen können, sollte das Gerücht tatsächlich Kreise ziehen, er habe neben Frau Käßmann gesessen (immerhin in einer angemessen stilvollen Limousine). Vielleicht ging es aber auch nur um eine Fußnote in einem seiner Sponsorenverträge, die es ihm verbietet, in zu engem Austausch mit herausgehobenen Vertreterinnen oder Vertretern von weltanschaulichen Organisationen zu stehen, etwa weil sie dem Geschäft seiner Sponsoren skeptisch gegenüberstehen. Oder, schlimmer noch, in Limousinen des falschen Herstellers erwischt zu werden.

Was schade ist: Wir werden es leider nicht erfahren, und zwar nicht, weil der Papst nun einmal selten betrunken Auto fährt, Herrn Schröder dabei mitnimmt und sich dann erwischen lässt. Nein, wir werden es deshalb nicht erfahren, weil die Richter des Hamburger Landgerichts eine Klage von Herrn Schröder gegen die “Hamburger Morgenpost”  abgewiesen haben, mit deren Hilfe er, Schröder, eine Richtigstellung erwirken lassen wollte, der zufolge er nicht neben Frau Käßmann in deren Alkoholfahrtnacht gesessen habe. Es ist sehr kompliziert. (Die Begründung der Richter ist übrigens Klasse, führt aber hier zu weit).

Wie auch immer, es lässt sich nicht leugnen: Zur falschen Zeit neben den falschen Leuten gesessen oder eben nicht gesessen zu haben, kann zu bösen Ausrutschern auf der Karrieretreppe führen. Wer einmal ins Rutschen kommt, tut also gut daran, sich am Handlauf dieser Treppe ordentlich festzukrallen.

Daher hier und heute und in aller Deutlichkeit ein paar Dementis: Ich habe nicht neben Klaus Ernst, dem Noch-Chef der Linken, in seinem alten Porsche gesessen, als er zur nächstbesten Hummerbude gefahren ist. Ich habe nicht mit Barack Obama, dem Noch-Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, im Golf von Mexiko gebadet. Ich habe nicht neben Adolf Sauerland, dem Noch-Bürgermeister von Duisburg, gesessen, als er die Planungen für die Loveparade durchgewunken hat. Ich war nicht einmal annähernd in der Nähe, als unser Noch-Bundesvorsitzender  der FDP für 18 Minuten den Kanzler gegeben hat. 

Als Blogger gehört man per defintionem zum lichtscheuen Gesindel in der Medienwelt, und daran halte ich mich. Daher hier und ein für allemal: Wer mich neben irgendjemandem sitzen sieht, muss Opfer einer optischen Täuschung sein. Ich mache so etwas nicht, aus Prinzip, und man wird bei Google Street View kein einziges Bild von mir neben irgendwem sitzend finden. Man kann heute gar nicht vorsichtig genug sein.

Wenn das Land ruft: Setzen!

Seit Guido W.s kurzer Kanzlerschaft wissen wir es: An nutzlosen Sitzungen teilzunehmen ist eine Frage der Ehre. Und auch der Steuervernunft. Eine Beweisführung.

Heute, nach Ende der persönlichen und noch mitten in der parlamentarischen Sommerpause, gleich mal ein Tabubruch: Sprechen wir über den Dienst am eigenen Land – und was dieser mit Meetings im Allgemeinen und Kabinettssitzungen im Speziellen zu tun haben könnte. Anlass ist, natürlich, die ungefähr 18minütige Kabinettssitzung, die unser stellvertretender Kanzler Guido W. kürzlich geleitet hat. Inhaltlich ging es um nichts, aber gefragt, wie er sich dabei gefühlt habe, antwortete er keineswegs „Ist ja nicht die erste Sitzung in meinem Leben,“ oder „Wie soll man sich groß fühlen bei einer komplett undramatischen Tagesordnung“ oder etwas in der Art.  Das hätte ja vollkommen gereicht, um den Menschen da draußen, also uns, zu zeigen: Russland brennt, Israel und Libanon schießen aufeinander, Pakistan geht unter, im Iran wird weiter geknechtet und die Arten sterben unvermindert  – aber keine Sorge, alles im Griff, alles Routine. Nein, Guido W. antwortet, und das auch noch vor der versammelten Bundespressekonferenz und also im vollen Bewusstsein, dass es abends in die paar nicht verwaisten Haushalte gestrahlt wird, er empfinde es „natürlich in diesem Moment als besondere Ehre, dass man seinem Land dienen darf.“ Uff. 18 Minuten Sitzung. Dienen. Besondere Ehre.

Irgendetwas stimmt da nicht, und dieses Störgefühl einfach mit einem „Na ja, er kann es halt nicht, den richtigen Ton treffen“ abzutun, hieße zu kurz zu springen. Es ist ja nicht nur eine Frage des Stils oder der Wortwahl. Diese Antwort wirft unmittelbar Fragen auf. Drängende Fragen.

Zum Beispiel diese hier: Dient er nicht seinem Land und empfindet er keine besondere Ehre, wenn er diese Sorte Sitzungen nicht leiten, sondern nur als gewöhnliches Kabinettsmitglied daran teilnehmen darf? Empfindet man, er, diese Ehre nur bei Kabinettssitzungen, oder auch bei jenen des, sagen wir, Kreisverbandes Wipperfürth-Ost? Stellt sich das Gefühl erst bei Sitzungen ab einer gewissen Mindestlänge ein, so zirka ab 15 Minuten? Der Dienst am eigenen Land ist, so gesehen, ein sperriges Topos, ungeachtet des Umstands, dass unser Spielführer für diese eine Sitzung so kühn und schwungvoll die Kurve von der Sitzungsleitung zum Dienst am Land nimmt.

Nun geht es vermutlich jedem so, der von Amts oder Berufs wegen in vielen Sitzungen, vulgo Meetings, sitzt, dass er oder sie sich hin und wieder fragt: „Was mache ich hier eigentlich? Ist das nicht alles eine großartige Zeitverschwendung?“  Hat nicht jeder schon einmal die Delegierten der Nationalen Volkskongresses in China insgeheim bewundert für ihr Durchhaltevermögen? Ungerührt sitzen sie da, wenn die bahnbrechende und richtungsweisende Rede des großen Vorsitzenden in der gefühlt siebten Stunde in der Großen Halle des Volkes unentrinnbar ihrem Höhepunkt entgegenstrebt: Und irgendwie schaffen sie es, an den richtigen Stellen zu klatschen, selbst wenn ein EEG bereits ihren sicheren Hirntod anzeigen würde. Das ist Leistungssport, daran besteht kein Zweifel. Nun sind sieben Stunden nicht achtzehn Minuten, und der Große Vorsitzenden ist nicht Guido W. (wenngleich man das manchmal bedauern könnte – es wäre in jedem Fall unterhaltsamer), aber an der grundlegenden Haltung dürfte das nichts ändern.

Doch zurück zum Thema. Volkswirtschaftliche betrachtet sieht es nämlich so aus: Rechnet man einmal hoch, wie viele Personenstunden täglich in unserem Land in Sitzungen vergehen, deren Nutzen nicht sofort und unzweifelhaft deutlich wird, muss einem schwindelig werden. Nehmen wir die erwerbstätige Bevölkerung, rund 30 Millionen Menschen, sagen großzügig, dass etwa die Hälfte jeden Tag eine halbe Stunde in Meetings zubringt, also 15 Millionen mal 30 Minuten, behaupten wir dann kurzerhand, hiervon die Hälfte sei komplette Zeitverschwendung, dann kommt man summa summarum auf 7,5 Millionen mal 30 Minuten oder 3,75 Millionen Stunden oder, den guten alten Achtstundentag zugrunde gelegt, auf 468750 Arbeitstage, 93750 Fünftagewochen beziehungsweise grob gerechnet 1875 Arbeitsjahre. Tag für Tag. Weg, unwiederbringlich. Unproduktiv verrauscht. Wie, in Gottes Namen, halten wir das nur aus?

Die Antwort gibt uns, und man kann gar nicht anders als dankbar sein dafür, unser stellvertretender Bundeskanzler: Es ist der Dienst am Land, der uns Ehre ist und uns durchhalten lässt. Hier sind wir Brüder im Geiste mit den Delegierten des Volkskongresses. Der Dienst am Land macht vieles erträglich, und dieser Patriotismus ist auch fiskalisch bedeutsam. Nehmen wir an, und damit nun auch wirklich zur letzten Rechnung in diesem Beitrag, von den nutzlos verrauschten Arbeitsjahren würden vier Fünftel von steuerpflichtigen Bürgern ausgesessen, die ihren Lohn oder ihr Gehalt so oder so jeden Monat bekommen und die jeweils ein durchschnittliches Steueraufkommen von, und jetzt werden wir wirklich mal konservativ, 2.500 Euro erwirtschaften, dann bringt der Dienst am Land mit dem eigenen Hintern rund 3.750.000 Euro. Allein Einkommensteuer, vorsichtig geschätzt. Tag für Tag. Das ist doch nicht nichts, gerade in diesen Zeiten!

Also, Hacken zusammen, hingesetzt und ordentlich dem Land gedient, wo immer es sich gerade anbietet. So, und nun muss auch ich leider in das nächste Meeting. Die Pflicht ruft.

PS.: Bei rechtem Licht betrachtet ist auch das Lesen von Blogs während der Arbeitszeit Dienst am Land. Also keine Ausreden bitte.

More bang for the buck – richtig Zurücktreten kann man lernen

Jede Menge Rücktritte, Rücktritte von Rücktritten und Rausschmisse – und immer die eine Frage: Geht das nicht besser?

Von Billy Wilder wird kolportiert, er habe auf die Frage, wie er sich seinen Tod wünscht, einmal geantwortet: „Im Alter von 102 Jahren werde ich im Bett einer schönen Frau von deren Ehemann erschossen.“ Der Mann hatte, man kann es nicht anders sagen, sowohl Witz als auch Cochones. Damit sind weniger geschlechtsspezifische Körperteile gemeint, vielmehr handelt es sich um eine besondere Konstitution des Charakters. Schaut man dieser Tage in die Runde, muss man feststellen: Typen wir Billy Wilder fehlen uns. Mehr denn je.

Denn lassen wir die Abgänge der vergangenen Wochen Revue passieren, gibt es bei allen Einzelschicksalen doch einen gemeinsamen Nenner. Sie alle haben etwas Verdruckstes an sich, sind merkwürdig verkantet in ihrer Mehrdeutigkeit, mitunter mitleiderregend in ihrer Kraftlosigkeit.

Nehmen wir Roland K., einst der brutalst mögliche Aufklärer unter den deutschen Ministerpräsidenten. Er gibt, einerseits, brutalst überraschend und sichtlich matt seine Ämter zurück. Das aber, andererseits, wiederum nicht sofort und mit einem Knall, sondern erst nachdem er zuvor noch einige Monate als lame duck durch Hessen watscheln will. Braucht er das – etwa für die Rente? Was soll das, wem hilft das?

Horst K. – ach, Schweigen breitet sich aus über und um unseren ehemaligen Bundespräsidenten und seine Präsidentschaft, heute schon, nur wenige Tage nach seinem, tja, was eigentlich? Rücktritt? Abgang? Seiner kleinkindlichen Trotzreaktion? Mitunter hat man den Eindruck, er ist gar nicht zurückgetreten, weil er nie richtig angetreten ist, denn in der Erinnerung hängen bleiben werden nun ein großer Zapfenstreich mit Bluesmusik und seine aufgerissenen Augen beim schleppenden Verlesen seiner Rücktrittsmeldung. Man muss sich für ihn freuen, dass wenigstens Pension und Dienstwagen stimmen. Als Vortragsredner wird er nicht annähernd so viel stemmen wie, sagen wir, ein ehemaliger Bundesaußenminister. Friede seiner Präsidentschaft.

Dann ist da Herr W aus Hannover. Das ist neuerdings kein Handicap mehr, sondern eine Stadt, in deren Gesamtschulen Heldinnen geformt werden. Herr W. aber sträubt sich kokett, als Held mit Wucht vor das Volk und zugleich von seinen anderen Ämtern zurückzutreten. Diese private Hedging-Strategie, wie sie sich sonst Finanzjongleure am Rohstoffmarkt ausdenken, wirkt so zauderlich, dass die presidential campaign von Anfang an ein Hauch von Weichspüler umweht. Obama geht anders.

Auch Herr R. aus Düsseldorf, eine Stadt, in der übrigens allen Gesamtschulen zum Trotz schon lange keine Helden mehr geformt wurden, bietet ein ähnliches Bild, angesiedelt irgendwo zwischen Faust und King Lear. Müde der Plage, vor lauter Verantwortung dem Arbeiterstand gegenüber so gänzlich ohne Kraft und Begeisterung, hintergangen von scheinbar Getreuen, ein einizg Ach und Wehe – so schleppt er sich als „geschäftsführender Ministerpräsident“ durchs Land. Schon der Titel ist eine Höchststrafe, der Vollzug wenigstens offen.  

Jemanden vergessen? Ach ja, der Bischof aus Augsburg, der ein Trauerspiel veranstaltet, dass einem Oberammergau heuer wie die jüngste Klamotte aus dem Ohnesorg erscheinen will. Soll man darüber noch Worte verlieren? Nein. Genug ist genug.

Denken wir lieber über die Möglichkeiten nach, die uns das Gesamtbild liefert. Jede Krise gebiert bekanntlich die zu ihr passenden Dienstleistungen. Hier liegt es auf der Hand, ein komplett neues Beratungsfeld zu ergründen und endlich Kurse zum Thema „Rücktritt richtig gemacht“ anzubieten.

Das Programm steht im weitesten Sinne fest (Ergänzungsvorschläge sind willkommen): “Timing – die Kunst des Wann und Wo”, “Dramaturgie und Storyline – ein bisschen Hamlet geht immer”, “Die richtigen letzten Worte – so kommen Sie in die Geschichtsbücher”, “Medienarbeit für den Tag X – more bang for the buck”, “Medienarbeit für die Zeit danach – was man vom König von Mallorca lernen kann” und ”Sonstiges” (politische Nachlassverwaltung in drei Schritten, wie pflege ich meine Facebook-Seite, Umgang mit Beifall von falschen Freunden u.v.m.).

Als Dozentin der ersten Stunde steht Frau K. aus der Heldinnenstadt Hannover zur Verfügung, die den schlaffen Jungs aus dem Polit-Establishment vorgemacht hat, wie man, Augen geradeaus, Visier offen, richtig zurücktritt. Cochones, wie gesagt, sind keine Frage des Geschlechts.. Der erste Kurs beginnt zeitgleich mit dem Anfang der parlamentarischen Sommerpause. Treffpunkt ist die Volkshochschule Moabit, offene Theaterklasse, 2. Stock. Die Kursgebühr wird diskret behandelt und kann von der Steuer abgesetzt werden. Anmeldungen und weitere Auskünfte: Jederzeit hier.

 PS: Aus aktuellem Anlass eine leichte Programmänderung: Am ersten Abend spricht Gastredner Stanley McCrystal, Oberbefehlshaber der Truppen in Afghanistan a.D., zum Thema: „Rauswurf richtig provozieren – so treten echte Kerle zurück.“

Spätrömischer Wunschpunsch

Wenn Opel vom Bund Geld bekommt, möchte ich auch welches.

Vor lauter Rücktritten, Koalitionsgezänk und Regierungsbildungsverweigerung droht gerade ein kleines Wunder unterzugehen, eigentlich sogar ein doppeltes: Ein deutscher Wirtschaftsminister argumentiert ordnungspolitisch, und am Ende verweigert er einem deutschen Automobilhersteller Geld. Bevor dies wieder in die Niederungen der Parteipolitik gezerrt (Gelb gegen Schwarz gegen den Rest der Welt) und zwischen vollkommen durchsichtigen Argumenten wie zwischen Mühlsteinen zerrieben wird, sollten wir eine Minute lang andächtig werden. Man muss Herrn B. nicht wortwörtlich verstehen – was, nebenbei, mitunter anspruchsvoll ist – noch ein treuer Anhänger seiner Partei sein, um doch sagen zu dürfen: „Hut ab!“ Das hatten wir lange nicht mehr, muss um die Zeit herum gewesen sein, als Rom in spätrömischer Dekadenz versank.

Doch jetzt ist Obacht angebracht. Denn nun, da sich die üblichen Verdächtigen und allen voran ehemals wichtige Ministerpräsidenten für Opel mächtig ins Zeug legen, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um rechtzeitig und klipp und klar zu sagen: Wenn Opel Geld vom Staat bekommt, einfach nur um weiter Opel sein zu dürfen, dann will ich auch welches. Verdient haben wir es beide allemal. Oder eben nicht, je nach Standpunkt. Denn im Grunde sind wir uns sehr ähnlich, Opel und ich. Und dort, wo wir es nicht sind, sprechen die Unterschiede eindeutig für mich.

Der Reihe nach. Innovativ sind wir beide eher nicht, Opel und ich. Bei der letzten Neuerung, mit der Opel meiner Erinnerung nach für Aufsehen gesorgt hat, handelte es sich darum, dass seinerzeit im Opel Zafira, einer Familienkutsche, die Sitze in der dritten Reihe komplett umgeklappt und im Boden versenkt werden konnten. Damals eine tolle Sache, weil man bei anderen Familienkutschen die sperrigen Dinger ausbauen und in den Schuppen schleppen musste. Wehe, wer keinen hatte! Nun ist das erstens leider auch schon wieder mehr als ein Jahrzehnt her, und zweitens steckte Porsche hinter der Entwicklung. Dass Opel seither den Ruf nachhaltig festigen konnte, ganz besonders innovativ zu sein – mir ist das jedenfalls entgangen. Und meine letzte Innovation? Ich hatte da mal so eine Idee für eine Kreditkarte aus Antimaterie… Naja, Schwamm drüber.

Fragen wir nach den inneren Markenwerten, dann lässt sich auch hier die Ähnlichkeit kaum leugnen. Klar geben Opel und ich uns hier und dort aufgeklärt und modern. Opel baut den Insignia, ich betreibe einen coolen Blogg. Aber wenn es hart auf hart kommt, sind wir doch eher wertkonservativ, bleiben bei bewährten Materialien (Autos aus Blech und Plastik, Textausdrucke auf Papier) und sind im Kern Spießer. Opel und ich werden es nie ins Premium-Segment schaffen, wo, wenn es mal richtig läuft, die Edelkarossen und Edelfedern ordentlich kassieren. Nein, wir sind auch hier Brüder im Geiste und im Tun und dazu verdammt, in der Graubrot-Liga zu spielen. Irgendwie muss der Mensch halt von A nach B kommen. Irgendwas möchte er halt unterwegs lesen.

Opel und ich sind eindeutig auf Märkten unterwegs, die als gesättigt gelten dürfen. Sagen wir es rundheraus: Niemand braucht Opel (außer natürlich die, die dort arbeiten, und die können einem wirklich leidtun. Das aber ist eine komplett andere Geschichte), niemand benötigt noch einen Blogger auf dieser Welt. Jeder kann ohne großen Verlust viele andere Autos kaufen oder auf Bus und Bahn umsteigen und wird merken, dass das kein Rückschritt sein muss. Und wenn ich dereinst meine letzte Zeile geschrieben haben werde, so wird, sollte dadurch tatsächlich und wider alle Wahrscheinlichkeit eine Lücke entstehen, sofort irgendjemand aus dem Online-Prekariat in Berlin-Mitte diese zu schließen wissen. Ehrlich, man wird uns beiden keine Träne hinterher weinen, Opel und mir. Enge Anverwandte und Mitarbeiter vielleicht ausgenommen. Vielleicht.

Nun zu den Unterschieden: Meine CO2-Bilanz, mein footprint,  ist eindeutig besser als der von Opel. Mein Ressourcenverbauch ist erheblich niedriger, obwohl ich ab und zu das Flugzeug nutze. (Ich könnte jetzt auch sagen, dass mir in engen Kurven keine Radkappen abfallen, aber das wäre gehässig). Gehe ich unter, reiße ich keine nennenswerte Zulieferindustrie mit in den Abgrund, sondern verschwinde still und leise. Ich habe keinen amerikanischen Chef oder gar Shareholder, sondern bin im besten Sinne Mittelstand. Zugegeben, kleinster Mittelstand, aber immerhin. Wie man hört, liegt der ja unseren Regierenden ganz besonders am Herzen; für gemeinsame Fototermine stehe ich gerne zur Verfügung. Ich habe nicht im geringsten von der Abwrackprämie profitiert, obwohl ich gerne hätte, und bin auch sonst beim Wachstumsbeschleunigungsgesetz leer ausgegangen, fühle mich also, als sei ich irgendwie dran. Und ich bin, anders als die Chefs von General Motors, für deutsche Minister und Staatssekretäre immer erreichbar, versprochen.

Also. Sollte demnächst tatsächlich Geld an Opel fließen, geht das vollkommen in Ordnung und ist kein Problem für mich, wenn ich auch welches bekomme. Ich warte dann einfach am Telefon, gerne darf mich der Staat anrufen und mich fragen, wohin es überwiesen werden soll. Meine Kontonummer habe ich im Kopf.

Hüpp China

China ist wie die Schweiz. Nur die Taschenmesser sind deutlich billiger.

Unterwegs in China zerbreche ich mir derzeit den Kopf, wie ich auf die absehbare Frage antworte, wie China denn so sei. Aus didaktischen wie illustrativen Gründen ist ein Vergleich naheliegend, um das herzustellen, was neuerdings mit der Vokabel „Anschlussfähigkeit“ belegt wird. Gemeint ist damit, den Leser dort abzuholen, wo er steht. (Legendär ist in diesem Zusammenhang, soviel Abschweifung sei erlaubt, der Einstieg, den mein ehemaliger Mitschüler Hans für einen Biologie-Aufsatz über Landsäugetiere wählte: „Ein Elefant ist ein großes graues Tier mit vier säulenartigen Beinen und riesigen Ohren.“) Der Rest? Details.   

Aber zurück: Seit Tagen also quäle ich mich damit, einen Vergleich zu dem bisschen China zu finden, das ich in den vergangenen Tagen besuchen durfte. Rumänien? Zu heruntergekommen. Belgien? Ach, Belgien. Wachen diejenigen unter uns, die es irgendwie interessieren würde, nicht jeden Tag mit der Frage auf, ob es Belgien eigentlich noch gibt? (Oder je wirklich gegeben hat? In dieser Hinsicht ist Belgien ein bisschen wie Leverkusen.)  Russland? Ohne den Russen zu nahe zu treten, aber wenn schon der eigene Präsident erschrickt, wie abgewirtschaftet sein Land und daueralkoholisiert ein Gutteil seines Volkes daherkommen, dann fällt auch Russland aus.

Nein, am Ende und bei rechtem Licht betrachtet bleibt eigentlich nur ein Land übrig: die  Schweiz.

Das mag überraschen, vor allem bösartiger klingen, als es gemeint ist. Aber schauen wir uns die fundamentals einmal vorbehaltlos an: Beide Länder sind die Hoffnungsträger im Meer bresthafter kapitalistischer Länder, die Chinesen, weil wenigstens sie noch ordentlich wachsen, die Schweizer, weil sie mit ihrem Franken einen der letzten sicheren Währungshäfen betreiben. Geht es um Mitgliedschaften in internationalen Vereinigungen, Verbünden und Vertragswerken, sind sowohl China als auch die Schweiz von Natur aus eher zurückhaltend, vor allem dann, wenn es am Ende des Tages in echte Verpflichtungen münden und dem Geschäft schaden könnte. Das will keiner. Ihre Zielstrebigkeit, ihre an Sturheit grenzende Unbeirrbarkeit – wir mögen das je nach Tagesform belächeln oder verachten, aber mal ehrlich: Bewundern wir es nicht auch insgeheim?

Kein Wunder also, dass selbst derjenige, der im Metaphysischen fischt, Übereinstimmungen finden wird, die in ihrer Häufung irgendwie genetisch erscheinen. Das Streben nach einer Harmonischen Gesellschaft, die Doktrin chinesisch-kommunistischer Fortentwicklung (und unter uns Altlinken: als Formulierung weit gelungener als „Dialektischer Materialismus“, nicht wahr?) – jeder halbwegs sensible Mensch würde dies sofort der Schweiz zuschreiben. Warum sonst fremdeln die Schweizer so merkwürdig mit der Moderne, wenn es um ein paar Muslime im Land und deren Kirchenbauten geht, um Frauenwahlrecht in einigen  mitteleuropäischen Bergdörfern im 21. Jahrhundert, um Bankgeheimnisse und Quellensteuern? Weil es die – ihre – Harmonie stört! Beide Länder pflegen, auch hierin einander ähnlich, ein joviales Verhältnis zu ihren schwer erziehbaren Nachbarn (Liechtenstein, Nord-Korea). Beide nutzen ihren folkloristischen Nippes (Bambus-Hüte, KP-Ikonen, Taschenmesser, Schokolade in Pyramidenform), um nicht in ganz so grelles Licht zu stellen, dass der schiere Kapitalismus sie antreibt. Irgendwie scheint ihnen das peinlich zu sein, und man wundert sich, warum eigentlich.

Und so geht es nahezu endlos weiter: Sowohl die chinesische als auch die helvetische Volksmusik sind auf Dauer schwer zu ertragen. Ihre Liebe zum Handwerk und zur Verfeinerung guter – entweder selbst erfundener oder selbst kopierter – Dinge ist kaum zu überbieten und macht Chinesen und Schweizer zu Brüdern im Geiste. Im Verhältnis zu Deutschland gilt für beide: Es ist eher von Respekt denn von echter Freundschaft geprägt, und wer wollte es ihnen verdenken? Und am Ende, aber das sind nun wirklich nur noch Kleinigkeiten, ist die prägende Farbe in beider Nationalflaggen Rot. Kann es so viele Zufälle geben?

Natürlich, das sei der Fairness halber erwähnt, gibt es ein paar kleine Unterschiede. Die Schweizer sind ein paar weniger als die Chinesen. Dafür sind die chinesischen Taschenmesser deutlich preiswerter als die schweizerischen.

Aber am Ende gilt doch: Wer es dieser Tage nicht schafft, bei unseren Nachbarn im Südwesten vorbeizuschauen, sollte nicht traurig sein, sondern bei seiner nächsten Chinareise schön die Augen offen halten. Hat man China gesehen, kennt man im Grunde auch die Schweiz. Der Rest sind Details.